Social-Media-Verbot: Was Austria von Australia lernen kann
Social-Media-Verbot: Was Austria von Australia lernen kann
Australien beschreitet einen Weg mit Vorbildwirkung, der hierzulande auf große Zustimmung stößt. Warum ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige nicht nur Jugendschutz ist, sondern vielen Problemen entgegenwirkt und das Vertrauen in der Gesellschaft wieder herstellen kann. Werbetreibende sollten den Schutz junger Konsumenten begrüßen.
Wenn Digitalpioniere und erfolgreiche Start-up-Gründer wie Florian Gschwandtner der Entscheidung Australiens öffentlich gratulieren (https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7405123869293920256), soziale Medien für unter 16-Jährige zu verbieten, dann zeugt es davon, dass Australien etwas fundamental richtig macht, worüber man in Europa noch nachdenkt. Die psychologische Wirkung sozialer Medien auf junge Menschen ist verheerend. Während TikTok hierzulande die Smartphones in den Kinderzimmern erobert, ist die Nutzung in der Volksrepublik China, dem Sitz von Byte Dance, streng reguliert und die Inhalte werden gefiltert. Extensiver Social-Media-Konsum führt nicht nur zu immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und Konzentrationsstörungen.
Die sozialen Folgen und Probleme reichen von Hassnachrichten, Diskriminierung bis – im schlimmsten Fall – hin zu Belästigung, Missbrauch oder sogar Suizid. Was unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit groß wurde, hat sich längst für viele zur Sucht und für uns alle zu einer Bedrohung des demokratischen Systems entwickelt.
Jugendschutz ist in unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis fest verankert. Die Grenzen für den Konsum schädlicher Stoffe wie Alkohol und Niktotin sind streng gezogen und werden nicht infrage gestellt. In der Filmwirtschaft regelt die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) den Medienkonsum. Nur zwei von vielen Beispielen, mit denen der Gesetzgeber klare Regelungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen geschaffen hat.
Warum tut man sich in Europa so schwer, den Jugendschutz auf einen Bereich auszuweiten, der den Alltag junger Menschen dominiert und massive Auswirkungen auf ihre Persönlichkeitsentwicklung hat?
Die Argumentation von Australiens Premierminister Anthony Albanese ist pointiert wie zugleich schlüssig: Er bezeichnet soziale Medien als Geißel der heutigen Gesellschaft, die junge Menschen von einer normalen Kindheit mit echten Freunden und echten Erfahrungen fernhalte. Jeder dritte Jugendliche in Australien leidet bereits unter psychischen Problemen. Depressionen, Einsamkeit, Angststörungen oder Selbstverletzungen sind allgegenwärtig.
Vertrauen künftiger Generationen
Europa kann nur gewinnen, wenn es dem australischen Vorbild folgt. Zumindest in Dänemark denkt man schon intensiv darüber nach und möchte die Grenze bei 15 Jahren ziehen.
Bei Kindern und Jugendlichen geht es um nicht weniger als nachfolgende Generationen, die Verantwortung für unsere Demokratie und Gesellschaft übernehmen werden. Es handelt sich aber auch um künftige Konsumenten, die in einer prägenden Phase ein differenziertes und kritisches Verhältnis zu medialen Angeboten entwickeln müssen, um bewusste Entscheidungen zu treffen.
Das Vertrauen in Marken bildet sich über Jahre hinweg durch persönliche Erfahrungen und Empfehlungen sowie verantwortungsvolle Werbung. Kürzlich wurde bekannt, dass der Meta-Konzern rund 15 Milliarden Euro jährlich mit Werbung von betrügerischen Fake Shops verdient. In einem Umfeld, in dem User sich auf Werbung ebenso wenig wie andere Inhalte verlassen können, werden keine vertrauensvollen Beziehungen zu Marken entstehen.
Influencer beklagen schon jetzt den Verdienstentgang, den sie in Australien erleiden werden. Die Kehrseite der Medaille: Auf sozialen Plattformen haben sie ungehinderten Zugang zu jungen Menschen und können für alles werben, was gefährlich ist – von irreführenden und riskanten Gesundheitsempfehlungen bis hin zu (religiösem) Fanatismus und (politischem) Extremismus. Das inhaltliche Angebot wird von Algorithmen gesteuert, die Polarisierung fördern. In diesem Umfeld kann weder Vertrauen in Personen noch in Marken entstehen.
Während Marken in klassischen Medien rigiden gesetzlichen Werbeauflagen folgen, werden (junge) Menschen in sozialen Medien mit einer Vielzahl an Werbebotschaften konfrontiert, die selbst für das geschulte Auge häufig kaum als Fake erkennbar sind. Künstliche Intelligenz leistet ihren Beitrag, um quasi jeden Inhalt mit marginalen Kosten professionell und glaubwürdig darzustellen, während die Kosten bei klassischen Medien explodieren, um die Flut an Inhalten durch Faktenchecker zu verifizieren und Konsumenten vor gezielter Falschinformation zu schützen. Im Umfeld sozialer Medien bleiben (nicht nur) junge Menschen orientierungslos zurück und haben wenig Möglichkeiten, Inhalte zu überprüfen und einzuordnen. Dieses Umfeld ist der natürliche Gegner der Wahrheit.
Journalistische Medien sind Teil der europäischen Identität
Journalistische Medien sind eng mit der europäischen Kultur und dem Demokratieverständnis verbunden. Ihre Rolle als Gatekeeper ändert sich vor dem Hintergrund der zunehmenden Welle an Desinformation und Fake News, die über uns hereinbricht. Ihre Bedeutung für den gesellschaftlichen Diskurs, der Polarisierung und Brüchen entgegenwirkt, ist unverzichtbar. Ihr Stellenwert als vertrauenswürdiges und verlässliches Umfeld ist für Werbetreibende wie Konsumenten essenziell.
Mehr als Jugendschutz: Weichenstellung für die Gesellschaft
Was Australien nun vollzogen hat, ist mehr als nur ein wichtiger Schritt für den Jugendschutz. Es ist der richtige Schritt nach Jahren der Fehlentwicklungen und zögerlichen Entscheidungen. Die globalen Plattformen sind kein Partner, mit dem auf Augenhöhe gesprochen werden kann und der nationale Gesetze akzeptiert. Unter dem fadenscheinigen Argument der Meinungsfreiheit haben sie viel zu lange ihre marktbeherrschende Position ausgebaut.
Australien schützt nicht nur die jungen Jahrgänge. Australien schiebt der Manipulation künftiger Generationen durch manipulierte und irreführende Inhalte auf sozialen Medien den Riegel vor. Ein Kontinent geht entschlossen gegen ein Phänomen vor, dass sowohl für das Individuum als auch die Gesellschaft schädlich ist. Australien gibt nicht nur seinen Bürgern, sondern auch seinen Medien und der werbetreibenden Wirtschaft wieder eine Chance und ebnet den Weg in eine Zukunft, in der Vertrauen wieder Zusammenhalt fördert.
Austria kann von Australia lernen!
Bild: © Copilot
